3Evelin, ein Trabi entdeckt die Welt

Es war einmal in einem längst vergangenen Land ...

... Man schrieb das Jahr 1990. Nicht für jeden war dieses Jahr bedeutend, aber für unsere Geschichte schon. Denn 1990 kam ein kleines, grünes, unscheinbares Auto namens Evelin auf die Welt. Evelin öffnete ganz zaghaft ihre Augen, blinzelte etwas, streckte erst das eine Rad aus, dann die anderen drei. Und als sie merkte, dass es gut war, erkundete sie sich die wunderbare Welt um sie herum. Sie strahlte in aufgeregte und gespannte Gesichter ihrer zukünftigen Familie, die sie freudestrahlend in die Arme schlossen, denn sie hatten lange auf Evelin warten müssen.

 

Und sogleich ging es mit Evelin auf die Straßen des längst vergangenen Landes. Mal holprig, mal kurvig, auch Höhen und Tiefen trotzte Evelin, sie trotze jeder Witterung, jeder Unebenheit.

 

Sie freute sich immer ganz besonders auf die Tage, an denen sie und ihre Besitzer raus aufs Land fuhren. Das waren die Momente, in denen sie so weit die Scheinwerferstrahlen reichten blicken konnte. Und Sonntags ging es oft ins Grüne, vor allem im Sommer und Herbst auf die umliegenden Apfelplantagen.

 

Sinnliche Düfte, wohliges Aroma 

Geduldig wartete Evelin stets auf dem naheliegenden Parkplatz auf ihre Familie, die Sonnenstrahlen und den Vogelgesang genießend, in heimlicher Freude auf den köstlichen Geruch, der sie mit dem Eintreffen ihrer Lieben umhüllte. Denn kaum stieg ihre Familie ein, verströmten die frisch gepflückten Äpfel ein wohliges Aroma, dass es Evelin ganz warm ums Herz wurde. Und welche Freude hatten Groß und Klein, wenn sie voller Appetit in die mit eigener Hand geerntete Frucht bissen!

 

So verging Jahr um Jahr und Evelin hätte sich kein schöneres Leben aussuchen können. Doch mit der Zeit wurden die Ausflüge immer weniger, die Autos um sie herum veränderten sich, ihre Brüder und Schwestern auf den Straßen zogen sich zurück und auch Evelin verließ ihre eigenen vier Wände immer seltener.

 

Schöne, hoffnungsvolle Momente waren es, als ab uns zu jemand bei ihr vorbeischaute, sie zärtlich an der Motorhaube berührte, mit dem Finger über Fenster und Dach strich. Welch Freude war es, als ihre Familie und deren Gäste einen Blick auf Evelin warfen. Man setzte sich ans Lenkrad, trat das Pedal und lachte aus voller Brust und Freude. Da wusste Evelin, man erinnerte sich gerade jetzt ebenso wie sie an die fast vergessenen Zeiten.

 

Die Suche nach dem Abenteuer 

Und so kamen in Evelin wieder die alten Bilder der Apfelplantagen auf und in ihr keimte der Entschluss: sie musste Lebewohl zu ihrer Familie sagen. Und sie sagte Adieu. Was war das für ein Trennungsschmerz. Ein lachendes und ein weinendes Auge – das Versprechen, sich wiederzusehen hallte noch lange nach.

 

Evelin machte sich auf die Suche nach dem, was draußen auf sie wartet, ihre Strahler blinkten kurz auf bei dem Gedanken, zu jeder Sekunde auf Unvorhergesehenes, Überraschendes zu treffen.

 

Von der Natur geküsst 

Und so führte der Weg sie durch zauberhafte Natur, Landschaften, die sich wechselten wie in einem Daumenkino. Sie verbrachte ihre vielen Meilenjahre auf dem Asphalt, immer suchend nach einem neuen Platz, an dem sie sein konnte. Und ohne dass sie es merkte, stand sie eines Tages auf einmal vor einem Apfelbaum. Sie traute kaum ihren Scheinwerfern, Evelin leuchtete ihn an, denn so ein Rot, ja so ein Gelb hatte sie bisher noch nicht gesehen. Ein leiser Wind kam auf – sie spürte ihn ganz sanft auf der Motorhaube – und plötzlich wusste Evelin, sie wurde von der Natur geküsst.

 

Evelin war damit sofort klar, dass sie am Ende ihrer Suche angekommen zu sein schien; sie leuchtete vorsichtig ihre Umgebung ab, um sich ein Bild zu machen, wo sie gelandet ist. Es war ein Paradies, überall leuchteten die Farben der Äpfel wie ein feines Gemälde. Sie wurde empfangen wie ein alter Freund, der nur für einen kurzen Moment wo anders war – vertraut und geliebt.

 

Und so streifte sie langsam ihr unscheinbares Äußeres ab, tauschte es gegen ein knackiges Gelb, saftiges Rot und ein strahlendes Grün aus. Aus Nah und Fern kamen Besucher, um sie und ihre neue Apfelfamilie zu bestaunen und in aller Munde schwirrte seitdem nur noch der Name „Evelina“.

 

 

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